Friedrichstraße


Sein Blick fiel auf die Treppe unter dem Schild 'Einreise'. Ein älteres Ehepaar stieg, pralle Taschen in den Händen, die Stufen herab und stellt sich, schnaufend vor Erschöpfung, auf den gegenüberliegenden Bahnsteig. Er spürte, wie Hitze in ihm aufstieg. Lag es an der stickigen Bahnhofsluft oder an der Vorstellung, bei seinem Geschäft wegen einer Verspätung psychologisch von vornherein in Nachteil zu geraten? Einerlei, er wußte, er mußte etwas tun, er mußte sich bewegen. Du telefonierst, sagte er sich im gleichen Moment, in dem die rauhe Stimme hinter seinem Rücken und offenbar an ihn, Strehlow, gerichtet und die tatsächlichen Luftverhältnisse völlig ignorierend:



Tür zu, es zieht! durchs Abteil rief. Strehlow, der seinen Körper halb gedreht und zu einer schroffen Entgegnung angesetzt hatte, brachte, aus welchem Grund immer, kein Wort über die Lippen, er holte nur tief Luft, wandte sich wieder herum, betrat den Bahnsteig und lief geradewegs auf die Treppe unter dem Schild 'Einreise' zu.
Eingereiht in eine Menschenschlange und vor Ungeduld von einem Fuß auf den anderen tretend, brauchte er zehn Minuten, um vor dem Schalter der Grenzbehörde zu stehen; passierte schon schwitzend die Kasse zum Geldumtausch, dann die Zollkontrolle, trat in die Helle der Straße wie ein Fremder und benötigte eine weitere halbe Stunde, um einen intakten Apparat, passende Münzen und die richtige Durchwahlnummer zu finden.

Quelle: Trug. Berlin: AtV, 2001. S. 17f.

Strehlow rief, er müsse zur Friedrichstraße, unbedingt und so schnell wie möglich!, und er rief: Es soll Ihr Schade nicht sein!, und der Mann öffnete von innen die Tür, und Strehlow zwängte sich hinein. Schon im Anfahren fragte der Mann: Tränenpalast?
Strehlow nickte heftig.
- Keine Sorge, sagte der Mann und gab Gas, Wochenende ist immer Andrang.
- Das wäre mein Glück, sagte Strehlow atemlos und schöpfte Hoffnung.
Am Bahnhof bog der Mann in die Wendeschleife ein, die vor der gläsernen Halle entlanglief, hielt aber nicht direkt vor dem Tor. Strehlow zog das Kuvert aus der Tasche und wollte es dem Mann vor lauter Dankbarkeit in die Hand drücken, überlegte es sich im letzten Moment und gab ihm einen Zehn- und einen Fünfmarkschein.
Am Rand der Schleife parkten zwei vollbesetzte Polizeiwagen, die ihm an den Abenden zuvor nie aufgefallen waren, und um den Eingang herum stand eine Traube von Menschen.



Auch hier sah er nur in fremde Gesichter, und er zog das blaue Ausweispapier aus der Tasche, holte Luft und drängte sich durch die Führgitter vorwärts, schob die erste Person beiseite, die zweite, war schon bei der dritten, als ihn etwas stoppte, ein Arm wie ein Baumstamm: Nu mal schön langsam, Mann, und der Reihe nach. Wir hams auch eilich!

Er stand in der Schlange einige Schritte vor ihm, nur noch wenige Meter von jenem bauchhohen Schalter entfernt, hinter dem ein Grenzbeamter die Papiere entgegennahm und nach routiniertem Blick und kurzer Prüfung zurückgab, ehe die derart Kontrollierten die Treppe hinab zur eigentlichen Grenzkontrolle weitergehen durften.

Quelle: Trug. Berlin: AtV, 2001. S. 185f.

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