Karl-Marx-Allee



Damals, Anfang der Fünfziger, haben wir hämisch und voller Verachtung auf diesen Moskauer Zuckerbäckerstil geschaut und jeden der sachlichen Neubauten, die im Westen und dann auch im Osten entstanden, mit Erleichterung begrüßt. Das änderte sich spätestens nach den ersten Fernsehbildern von den Satellitenstädten und erst recht, als die Produkte der industriellen Fertigung auch in Berlin aus dem Boden schossen, drüben im Märkischen Viertel oder in der Gropiusstadt, hüben zuletzt in Marzahn und Hellersdorf. Jetzt sah ich die Stalinallee in einem ganz anderen Licht, und daß ich ihren Ursprung bei einem Besuch in Manhattan entdeckt hatte, als da inmitten dieser aufregenden Stadtlandschaft ein Turm der Lomonossow-Universität hervorragte, mag ein übriges getan haben. Seither war ich jedenfalls, wenn ich vom Strausberger Platz zum Frankfurter Tor lief, um die Erkenntnis bereichert, daß ein süßliches Gesicht immer noch besser ist als gar keines.

Quelle: Von der Schwierigkeit, Westler zu werden. Berlin: AtV, 2000. S. 165.

Wie deprimierend fand ich damals, als ich die ersten modernen Neubauten gesehen hatte, mein Viertel im Prenzlauer Berg, späte Gründerzeit; der Stuck an den Häuserfronten, die fettbauchigen Balkons, blicklose Frauenköpfe über Fenstersimsen, serielle Gipsgirlanden darunter - Symbole allen Muffs, aller Enge, aller Strenge. Der Stuck an der Decke unseres Zimmers: Gebilde aus Schlangenkörpern und Vogelköpfen, die, wenn ich als Kind mit Fieber im Bett lag, in Bewegung gerieten, sich dehnten und spreizten und zu widerlichen Ungeheuern wuchsen.



Wann meine Begeisterung für die moderne Architektur nachließ, weiß ich nicht. Möglicherweise stand sie in umgekehrtem Verhältnis zu deren Ausbreitung. Vielleicht damals, als ich eine geschlagene Stunde lang in einer Satellitenstadt bei Dunkelheit und eisigem Wind die Nummer 52 der Helsinkier Straße suchte. Die Auflösung der alten Straßen - die Unwirtlichkeit der lockeren Bebauung ... Oder war es wegen des Seriellen? Daß man plötzlich nicht mehr sicher sein konnte, wo man war - in Magdeburg oder Jena-Lobeda?
Mit einem Mal schien selbst der banale Barock der Stalinallee, jetzt Karl-Marx-Allee, Charakter zu zeigen.

Die euphorische Fortschrittsbegeisterung, der Widerwille gegen die Ornamentik der Gründerzeitarchitektur nicht nur Distanzen zu den keifenden Altfrauenstimmen, den bellenden Hauswarten, den strengen Schupos der Kindheit - mehr: der Versuch, die Geschichte auszulöschen - die unerzählbare, fürchterliche, jüngste deutsche Geschichte.

Quelle: Fliegender Wechsel. Frankfurt/M. S. Fischer Verlag, 1990. S. 227f.

Zurück