Leipziger Straße


Dann die neue Wohnung. Sechs Zimmer, Miete zweiachtzig pro Quadratmeter, warm. Jeder hatte sein eignes Zimmer, hundertachtzig Quadratmeter Wohnfläche allein; Balkons, Flur, Klosetts, Duschraum und Bad nicht eingerechnet. Dieser Platzrausch! Diese Erleichterung, die drei, vier Monate anhielt. Dann eine eigentümliche Spannung, ein Unwohlsein auf der Haut, schon früh morgens, beim Aufstehen



Mittags unerträglich. Zwei Flaschen Bier, dann gings wieder.
Auf der Straße die hohen quadrigen Häuser, kachelweiß, mit blassem Blau durchsetzt und die weiten Flächen zwischen den Häusern, die flachen Kaufhallen - auch hier ein Unwohlsein, dessen Ursache ich nicht näher beschreiben konnte und das einmal ganz plötzlich verging, als ich in meine alte Gegend kam... die Höhe der Häuser, die Breite der Straßen hatten wieder ein menschliches Maß, und mir war, als wäre - trotz Lärm, Dreck und Verfall - die Temperatur um zwei, drei Grad gestiegen.

Quelle: Fliegender Wechsel. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 1990. S. 65f.

In der Leipziger starke Polizeipräsenz. Es dämmert schon. Drei Männer vor unserer Haustür. Einer drückt auf einen Klingelknopf.
Ich sage: Das ist doch Honecker. -
Helene sagt: Seine Tochter wohnt im Vierzehnten. -
Näherkommen, Grüßen, Aufschließen, Bitteschön, Dankeschön. Vor dem Fahrstuhl Vorstellen. Wir seien die und die und wollten uns bedanken. -
Weiches Gesicht, überraschend zarte Haut. Geste des Erinnerns: Achja. Hats geklappt, ja? Alles in Ordnung? - Kopfnicken. Alles in Ordnung. Und noch mal Dankeschön. - Wir steigen in den Fahrstuhl. Die drei bleiben draußen. Wollen Sie denn nicht mitfahren? - Blicke stummer Absprache. Wenn noch Platz ist? -
Ein Leibwächter begleitet ihn, der zweite bleibt vor dem Fahrstuhl.
Knopfdrücken. Einmal die Zehn, einmal die Vierzehn. Das leichte Beben, mit dem sich die Tür schließt. Der Ruck der Anfahrt.
Er steht in der hinteren Ecke und sagt: Also ist alles erledigt. Alle Kinder, ja . . . ? -
Ich stehe mit dem Rücken zur Tür und sage: Ja, alle Kinder... Mal sehn, ob's gut geht. -
Er: Ja, alle Kinder... -
Lächeln, Kopfnicken.



Auch der Leibwächter lächelt. Auch Helene lächelt. Die ganze Kabine voller Lächeln und Kopfnicken.
Irgendwo zwischen dem vierten und sechsten Stockwerk das Bedürfnis ... nein, schon der Zwang, etwas zu sagen, was das Einverständnis sprengt, was uns wieder trennt von ihm, aber mir fällt nichts anderes ein als die Frage: Kann's nicht mal besser werden? -
Er antwortet nicht sofort, erst nach kurzem Zögern. Er sagt: Hoffen wir's!, und macht eine Pause, wie wenn er nachdenkt, und fügt hinzu: Es stürmt ja überall auf der Welt!, und dann noch, als müsse er relativieren: Andere sind doch zufrieden! -
Der Fahrstuhl hält, wir steigen aus, drehen uns noch einmal um und sagen: Auf Wiedersehen, und er tritt einen halben Schritt vor und lächelt, und mir ist die Widersinnigkeit ganz bewußt, wie er uns hinterherruft: Viel Glück! -

Quelle: Fliegender Wechsel. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 1990. S. 37f.

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