Lindencorso


Die sonderbaren Geschehnisse, durch die Strehlows Leben eine ebenso jähe wie ironische Wendung nahm, begannen an einem Aprilmittwoch Mitte der Achtziger vor dem Schaufenster eines Cafés Friedrichstraße Ecke Unter den Linden. Eben noch hatte er, tief in Gedanken versunken, die Straße überquert, war ein paar Stufen hinaufgegangen und hatte das Bassin eines kleinen Springbrunnens passiert, als er die Fetzen einer Musik vernahm.

Quelle: Trug. Berlin: AtV, 2001. S. 9.



Als er die ein wenig heruntergekommene Telefonzelle nahe dem Hotel Metropol verließ und sich die Konsequenzen des verpassten Treffs klarzumachen versuchte, wandte sich sein Schritt wie automatisch in die dem Bahnhof entgegengesetzte Richtung, und kurz nach drei Uhr nachmittags betrat er das leicht hinter die Fassade zurückgesetzte als Espresso bekannte Café Friedrichstraße Ecke Unter den Linden, von dem er später sagen wird, er sei in eine Falle gelaufen wie ein Wild, das der Spur eines Köders folgt.

Quelle: Trug. Berlin: AtV, 2001. S. 16f.

Sobald Strehlow die Grenzkontrolle hinter sich hatte und ins Freie getreten war, ging er Richtung Unter den Linden. Er achtete nicht auf das dichte Treiben um ihn, das sich an diesem Freitag kaum von dem im anderen Teil der Stadt unterschied, auch wenn es von einem geringeren Tempo beherrscht war. Er überquerte die Kreuzung, stieg schnell die Stufen zum Vorgarten hoch, passierte die lange Schaufensterscheibe ohne einen Blick und betrat das Espresso mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es für ihn alltäglich.

Quelle: Trug. Berlin: AtV, 2001. S. 156.



Inzwischen hoffe ich tatsächlich, es ging den Damen und Herren Investoren das Geld aus, so daß doch noch einiges stehenbliebe von dem, was zu unserer Geschichte gehört. Für das Espresso im Lindencorso wäre es allerdings zu spät. Mitsamt seinem eigentümlichen Überbau ist es einem Block gewichen, der einem Bunker ähnlicher sieht als dem ein wenig niedlich, aber immer einladend wirkenden Ort meiner Erinnerung.Ich muß nicht erst die Augen schließen, so gegenwärtig ist mir das Interieur der siebziger Jahre. Wie viele Sätze sind mir dort eingefallen, wie viel Einfälle habe ich notiert, meist an dem Zweiertisch vor der Garderobe, es sei denn, Schubi der Boxer saß an der Theke - dann habe ich mich zu ihm gesetzt.



War aber der dicke Gitarrenspieler anwesend, dem wir auf russische Weise den Vatersnamen Dilettantowitsch gaben und von dem ich erst jetzt erfuhr, daß er auch noch den konspirativen Namen Ernst trug, floh ich in die hinterste Ecke.
Verschwunden der Vorplatz mit der Terrasse, mit dem Rosengarten und dem kleinen Springbrunnen. Man hat das neue Haus bis an den alten Bürgersteig vorgezogen, jedes Stückchen Boden nutzend, und als ich neulich davor stand, habe ich wieder einmal begriffen, was die Essenz der Veränderung war, die, gewünscht oder nicht, vor sieben Jahren über den Osten hereinbrach.

Quelle: Von der Schwierigkeit, Westler zu werden. 3. Aufl., Berlin: AtV, 2000. S. 162f.

Zurück