Charité



Damals, vor acht Jahren, saß ich in Hamburg, berauscht von dieser prosperierenden Unwirklichkeit um mich herum, aber das erste, was ich tat, als ich in meinem Hotelzimmer allein war: ich ließ mir eine Verbindung nach Mainz geben, zu Johannes.
Mit achtzehn hatte ich ihn kennengelernt, in Berlin, ein Bürgersohn aus Eisenach, drei Jahre älter als ich und mit starker Neigung zum Extremen, eine neue Welt für mich, eine neue Schicht, neue Musik und neue Bücher, Sartre und Wells, Huxley und Samjatin, eine Zeit der Debatten, der philosophischen Spekulationen, Bars, Kunstkinos und Jazzkonzerte, durch ihn traf ich die erste Frau, mit der ich schlief, durch ihn bekam ich mein erstes eigenes Zimmer, durch ihn meine Stellung an der Charité. Wir galten als unzertrennlich, zogen jahrelang durch die Berliner Kneipen, Klubs und Konzertsäle, verbunden durch die verschlungenen Riten einer Freundschaft junger Männer bis - ja, bis zum Osterfest zweiundsechzig, als er, ein dreiviertel Jahr nach dem Mauerbau, in den umgebauten Tank eines amerikanischen Autos stieg und über die Grenze nach Westen verschwand ...

Quelle: Fliegender Wechsel. Frankfurt/M. S. Fischer Verlag, 1990. S. 55.

Oben stand Rosenberg; man sah ihm an, er freute sich, daß wir gekommen waren. Es seien außer uns noch drei andere Kollegen gekommen, spontan, sagte er bedeutungsvoll, sah Martin dabei an, entdeckte die Wunde: Was ist denn mit Ihnen los? Martin winkte ab und ging zum Apothekenkasten. Doktor Schnabel kam aus dem Assistentenzimmer, hinter ihm einer der Doktoranden und Messemer, ein blasser aufgeschossener Laborant, der nebenher Gedichte schrieb.
- Was ist denn passiert, fragte Rosenberg noch einmal, und ich erzählte ganz kurz unser Erlebnis und bemerkte dabei Martins verzogenes Gesicht, als Doktor Schnabel die Wunde auswusch.
- Es ist nur ein Hautriß, sagte er. Ich ging ins Labor. Alles stand so, wie ich es gestern verlassen hatte.



Ich weiß noch, daß ich dabei so etwas wie Befriedigung empfand, wie wenn man etwas findet, was sich als unverrückbarer, absolut sicherer Wert herausstellt. Ich sah aus dem Fenster. Unter mir lag der Park zwischen der Chirurgie und der Neurologie. Der Rasen wirkte verstaubt, die Blätter der Bäume waren gelb an den Spitzen. Auf dem Weg stapfte eine Kolonne Grenzsoldaten in Richtung des S-Bahn-Traktes der das Klinikgelände westlich abschloß und auch Grenzlinie war. Die Soldaten hatten Marschgepäck, Maschinenpistole hingen über ihre Schultern. Bei jedem ihrer Schritte wirbelte eine Staubwolke über den Weg.
Ich wischte ein Stäubchen vom Dach der Analysenwaage und ging wieder zu den anderen. Messemer hatte Tee gekocht, auch ich nahm mir ein Glas und goß es voll. Rosenberg, der eine Vorliebe für bedeutungsvolle Sätze hatte, hob sein Glas und sagte: Ich glaube, dieser Tag ist der wichtigste, seit dieser Staat gegründet wurde, ja, vielleicht ist er sogar die wirkliche Geburtsstunde des deutschen sozialistischen Staates.
Niemand widersprach. Wir schwiegen eine Weile, pusteten auf die Gläser, um den Tee abzukühlen; dann begann Doktor Schnabel zu reden. Er war, wie wir, durch die Stadt gelaufen seit dem frühen Morgen schon, war die ganze Grenze abgelaufen, von Wilhelmsruh bis zum Potsdamer Platz. In Pankow hatte er gesehen, daß man vergessen hatte, ein Eckhaus zu besetzen, und die Leute eine ganze Stunde lang durch die Tür auf unserer Seite hinein und durch die andere Tür drüben wieder hinausgegangen sind.

Quelle: Am Ende der Jugend. In: Berliner Geschichten. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 1977. S. 161f.

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