Bernauer Straße



Die Bernauer. An ihrem nördlichen Anfang stießen drei Berliner Stadtbezirke aufeinander, Mitte, Prenzlauer Berg, Wedding, wie oft war ich hier langgegangen, an der Hand meiner Mutter, die Danziger rauf, die später Dimitroff hieß, die Eberswalder runter, vorbei am ehemaligen Exerzierplatz, der Sportplatz geworden war, vorbei an dem monumentalen Bau der Post N 58, Hakenkreuzfahnen beiderseits, dann über den Damm in die Bernauer, rechts der Güterbahnhof und ein weiter Himmel, links die Gründerzeithäuser, und hinein in die Swinemünder, in der meine Tante wohnte, die Schwester meiner Großmutter. Jahre später, nach dem Krieg, ich ging schon alleine, die Schilder hinter dem Exer, dem ehemaligen Sportplatz, auf dem jetzt haushoch die Trümmerreste der zerbombten Häuser aus der Umgebung lagerten, die Post stand noch, die Straßenbahn fuhr noch, Linie 4, Warschauer Brücke - Stettiner Bahnhof, später Nordbahnhof, und jetzt die Schilder, Sie verlassen den sowjetischen Sektor und, von zehn Metern gepflastertem Damm getrennt, genau am Anfang der Bernauer, Sie betreten den französischen Sektor; und wieder später, Währungsreform, Buden wuchsen vor dem Gelände des Güterbahnhofs, Milkakäseecken, Storck-Riesen, Bohnenkaffee, Kurs eine Mark West gleich vierkommasiebenfünf Mark Ost, die Straßenbahn fuhr immer noch, jetzt hielt sie an der Stelle vor der Post etwas länger, grauuniformierte Männer und Frauen gingen durch die Reihen, musterten Taschen, Einkaufsnetze, Garderobe der Fahrgäste, führten einige, stichprobenartig, in ein Nebengebäude der Post, Durchsuchung, die Schwester meines Vaters wurde ertappt mit paar Kilo Bleirohr in der Einkaufstasche.

Quelle: Fliegender Wechsel. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 1990. S. 72f.



Bis zum Mauerbau war ich in - sagen wir: freier Entscheidung im Osten geblieben, die allerdings auf der Voraussetzung freier Wahl beruhte. Ich konnte mich, wenn ich wollte, von einem Tag auf den anderen in die S-Bahn setzten und die Seiten wechseln. Um so größer war mein Zorn, als mir diese Möglichkeit von einem Tag auf den anderen genommen wurde, und ich habe halbe Nächte damit verbracht, mir vorzustellen, wie ich jenen, die mich übertölpelt hatten, eine lange Nase zeigen könnte. Ostern Zweiundsechzig entwich mein Freund Johannes in einem Diplomatenauto mit umgebautem Benzintank über die Sektorengrenze. Wir hatten alles so gut vorbereitet, daß selbst die Sicherheitsbehörden keinen Verdacht äußerten, ich könnte eingeweiht gewesen sein, nicht einmal, als ich ihm seine Bibliothek im Lauf der folgenden Jahre per Paketpost nachsandte. Als wir uns am Nordbahnhof verabschiedeten, machten wir ein Codewort aus, das ich nur auf eine Karte hätte schreiben müssen, dann wäre der gleiche Mechanismus, der ihn über die Grenze befördert hatte, auch für mich in Gang gesetzt worden. Es war ein eigenartiges Gefühl, mit diesem Wort im Kopf durch die Stadt zu laufen.

Quelle: Von der Schwierigkeit, Westler zu werden. Berlin: AtV, 2000. S. 191.

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