Die Biermann-Ausbürgerung und ihre Folgen November 1976



Wolf BiermannNach elf Jahren Berufsverbot beginnt der Liedermacher Wolf Biermann auf Einladung der IG-Metall am 13. November 1976 seine von den DDR-Behörden genehmigte Tournee durch die Bundesrepublik. Sein Programm in der Kölner Sporthalle steht unter dem Motto "Ich möchte am liebsten weg sein und bleibe am liebsten hier". Der Titel des Konzertes ist so widersprüchlich, wie sein Verhältnis zur DDR. Biermann kritisiert die Politik in der DDR, ist aber überzeugt vom Sozialismus und lobt die DDR als das bessere Deutschland. Drei Tage später, am 16. November 1976, verkündet die DDR-Nachrichtenagentur ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) die Aberkennung der Staatsbürgerschaft und das Verbot der Wiedereinreise für Wolf Biermann. Dies sei die "angemessene Antwort" auf sein "feindseliges Auftreten" heißt es am 17. November im "Neuen Deutschland".

Vorhergehende Versuche den unbequemen Liedermacher auszubürgern hat es bereits gegeben. Entweder verbot die internationale politische Lage ein Handeln der DDR-Obrigkeit oder Biermann wird bei der Bitte um ein Visum dekretiert, dass er im Westen bleiben und auf die DDR-Staatsbürgerschaft verzichten müsse. Seit seinem Auftritts- und Publikationsverbot im Jahre 1965 gilt der 1953 aus Überzeugung von Hamburg in die DDR übergesiedelte Biermann bei der SED-Führung als Feind des Sozialismus. Mehrere hundert hauptamtliche und inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit überwachen ihn in der DDR und auch im "Operationsgebiet" BRD. Nachdem 1965 sein Gedichtband "Die Drahtharfe" und seine Langspielplatte "Wolf Biermann (Ost) zu Gast bei Wolfgang Neuss (West)" in der Bundesrepublik Deutschland erscheint, wirft man ihm "Klassenverrat" und "Obszönität" vor. Dies hat Folgen: Untersagung von Auftritten, Publikations- und Ausreiseverbot. Erst im September 1979 bot sich die Gelegenheit zu einem Auftritt in der Prenzlauer Nikolaikirche. Einen Monat später, zum Zeitpunkt seines Konzertes in Köln, war seine Ausbürgerung beschlossene Sache.

Noch am Tag der offiziellen Bekanntgabe des Verbotes der Wiedereinreise verfassen elf namhafte DDR-Schriftsteller und der Bildhauer Fritz Cremer, der seine Unterschrift jedoch bald zurückzieht, auf Initiative von Stephan Hermlin eine Protesterklärung, in der die DDR-Regierung gebeten wird, ihre Entscheidung zu überdenken. Sie wird über westliche Nachrichtenagenturen verbreitet, nachdem sie von den DDR-Medien totgeschwiegen wird. Wenige Tage später schließen sich über hundert weitere Schriftsteller und Intellektuelle der Petition an, u.a. Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger, Kurt Bartsch, Günter de Bruyn, Karl-Heinz Jakobs, Helga Schütz, Elke Erb. Die SED-Führung kontert im "Neuen Deutschland" mit vielfach bestellten Zustimmungserklärungen von Bürgern und Werktätigen der DDR. Die Unterzeichner bleiben seitens der Staatsorgane nahezu unbehelligt. Die am Ende verhängten Parteistrafen für die Erstunterzeichner schlossen sie nicht von der weiteren Mitgestaltung des literarischen Lebens ihres Landes aus. Das Strafmaß fiel jedoch unterschiedlich aus. Während man Stephan Hermlin und Christa Wolf eine strenge Rüge erteilt, was ihrem damaligen Bekanntheitsgrad zuzuschreiben ist, werden Karl-Heinz-Jakobs und Gerhard Wolf aus der Partei ausgeschlossen. Rainer Kunze, der ebenfalls seine Unterschrift unter die Petition setzt, ist bereits am 4. November aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden. Die Veröffentlichung seines Prosabandes "Die wunderbaren Jahre" in einem westdeutschen Verlag führt zum endgültigen Bruch mit der DDR-Regierung. 1977 siedelt er in die BRD über.

Weniger bekannte Querdenker bekommen die politische Strafjustiz zu spüren. In Jena werden im Zusammenhang der Biermann-Affäre über 40 Mitglieder der Jungen Gemeinde verhört. Dreizehn davon bleiben in U-Haft und werden sechs bis neun Monate später abgeschoben. Klaus Schlesinger und Martin Stade verfassen am 25. Juli 1977 einen Brief an Erich Honecker, in dem sie sich für die Verhafteten und Verurteilten einsetzen.

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