Klaus Schlesinger zum 4. November 1989

Plakat: WENDE ohne WENN und ABER"Und selbstverständlich war ich auf dem Alexanderplatz.
Dieser Samstag, dieser vierte November ... Ich war pünktlich über die Grenze gefahren, aber ehe ich einen Parkplatz gefunden hatte, war es halb elf geworden, der Zug schon lange unterwegs. Ich ging, ein wenig irritiert wegen der Massen, am Rande mit, immer mit den Augen auf die Reihen, in denen ich einen Bekannten zu treffen hoffte. Aber ich sah nur in fremde Gesichter, und so lief ich nach vorn, an die Spitze des Zuges, war ziemlich früh auf dem Alexanderplatz, lehnte mich an die Ampelsäule auf der Verkehrsinsel gegenüber dem Haus des Lehrers, mit dem Gesicht zum Menschenstrom, der auf mich zukam und sich rechts und links von mir teilte.
Ist Ihnen auch aufgefallen, welche Ruhe über diesem Zug der Massen lag? Ich musste erst die Gesichter sehen, um zu begreifen, dass sie aus einer inneren Kraft kam, die den Lärm, mit dem man die Gespenster Nacht vertreibt, nicht mehr brauchte.
So viele gelöste Gesichter habe ich lange nicht mehr gesehen, und jetzt traf ich auch Bekannte, wir winkten uns bedeutungsvoll zu, und einmal lächelte mich eine junge Frau, die mir völlig unbekannt war, so gewinnend an, daß ich verlegen wurde, aber im Moment, da sie auf meiner Höhe war, rief sie: Kommen Sie jetzt wieder? -, und ich war verdutzt, wollte ihr etwas antworten, aber sie war schon verschluckt von der Menge. Ich schob mich in die Richtung, in der sie erschwunden war, die Reden begannen, ich hörte Christoph Hein, hörte Friedrich Schorlemmer ... auch Stefan Heym, der jetzt zwanzig Schritte hinter der provisorischen Tribüne stand und von einem Kind Blumen überreicht bekam.
Ich gebe zu, ich habe ein paar Sekunden gebraucht, ehe ich die Kraft fand, mich unter das Absperrseil hindurchzuschieben und auf ihn zuzugehen, im Herzen einen Entschluß, im Kopf eine Rede.
Sie haben richtig gelesen, ich wollte reden. Kurz nur, selbstverständlich, ich wollte den geplanten Ablauf nicht stören, aber ich fühlte ganz sicher, es wäre genau der richtige Moment gewesen. Ich wollte mit dem Satz beginnen, daß ich einer von denen sei, die eine rigide Herrschaft aus diesem Land gedrängt habe, und daß ich seit zehn Jahren zwar nur ein paar Straßen weiter wohnte, aber wie im Exil. Ich wollte ein Wort verlieren über die Gefühle, die mich bewegten, angesichts dieser gewaltigen Manifestation für ein freies, menschliches Land, und daß ich ihnen, den Versammelten, sagen wolle, die Zeit sei nun reif, endlich zurückzukehren, nach Hause.
... Warum ich mich, zwanzig Schritte von der provisorischen Tribüne entfernt, anders entschied, weiß ich bis heute nicht genau."

Quelle: Fliegender Wechsel, S. 293ff.

Zurück