Leseprobe aus "Über mein Verhältnis zur Reportage"

Es ist grad dreißig Jahre her, da schrieb der Tucholsky etwas sehr Schönes: Einmal hieß alles, was da kreucht und fleucht, ‚nervös' dann ‚fin de siècle', dann ‚Übermensch', und dann hatten sie es mit den ‚Hemmungen, und heut haben sie es mit der Reportahsche, als welches Wort man immer so schreiben sollte. Lieber Egon Erwin Kisch, was haben sie da angerichtet! Sie sind wenigstens ein Reporter und ein sehr guter dazu - aber was nennt sich heut nicht alles Reportage. Es ist völlig lächerlich."

Dem Tucholsky verdanke ich meine zweiten starken und bis jetzt noch anhaltenden literarischen Eindrücke (und nicht nur solche. Ich hab von ihm - mit einer Gier, wie sie nur junge unverdorbene Menschen haben können - so gut wie alles aufgesogen, seine ganzen verfluchten Pazifismus, der mir später so viel zu schaffen machte, seinen Haß, seinen Gerechtigkeitssinn, auch seine Liebe und seine Nonchalance, aber davon später ...) - und nun soll ich heute über Reportage schreiben?

Man soll mir diese kleine Provokation verzeihen. Die ist nötig, denn sie gibt mein Verhältnis wieder, das ich bis vor kurzer Zeit zur Reportage, besser: zum Journalismus überhaupt hatte. Warum es mich veränderte - ich glaube, das kann ich am besten dadurch erklären, indem ich mein Verhältnis zur Literatur (und damit letzendes zum Leben) vom Anfang bis zum heutigen Tag versuche zu schildern.

Wenn ich von dem mitunter bösartigen Literaturunterricht in der Schule absehe, fand meine erste Begegnung mit Gedrucktem vor gut einem dutzend Jahren statt. Es waren papiergebundene Hefte mit einem Umfang von genau 32 Seiten, mit fremdländisch klingenden Autorennamen (Jack Morlan, Tom Brack, Der Texaner usf) und einem Inhalt, der in seiner stupiden Langeweile nur noch mit dem schulischen Deutschunterricht zu vergleichen war, aber was solls, ich las das, weil es andere - Erste-Zigarette-Freunde - ebenfalls lasen, und weil ich nicht recht, wusste, ob es noch was anderes gab, das zu lesen wert gewesen wäre. Da ging man zum Ausgleich lieber in die Kneipe an der Ecke, drosch einen Skat und gab so dem werdenden Jüngling die Möglichkeit, sein Geld, das er sich durch allzu einfache Transaktionen mit amerikanischen Zigaretten oder fersenverzierten Nylonstrümpfen verdient hatte, entsprechend anzulegen ...

Quelle: Mit freundlicher Genehmigung Jean Villain (Privatarchiv)

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