Leseprobe aus "Orjel-Paul und sein Gewerbe"

Das einstöckige Haus in der Frankfurter Allee zeigt bereits deutliche Alterserscheinungen, was man von seinem 70jährigen Parterremieter Orjel-Paule Kahl nicht gerade behaupten kann. Auf dem Tisch im Wohnzimmer hat er mir ein Paket Fotografien bereitgelegt, optisch fixierte Erinnerungen einer 55jährigen Laufbahn als Drehorgelspieler. Gegenüber dem Fernsehgerät ein Bild seiner Mutter, noch aus jungen Jahren, sie leierte ebenfalls eine Orgel; links davon, in Schaupositur, sein Sohn, der die Familientradition nicht fortsetzen wird - er ist Opernsänger; und schließlich Orjel-Paule selbst: im Großformat blicken wache Augen auf den Besucher.

Ein respektables Exemplar von Hund bewacht in der Werkstatt alte Notenrollen, Furnierhölzer, Orgeltorsi, diverse Schraubenschlüssel, Glacéleder sowie einen strotzenden Leinenbeutel mit dem Kleinsterlös des vergangenen Jahres: zehnmal tausend Pfennige. Daneben eine zerkratzte Blechschachtel, die eine Packen bunter Papiere enthält. Vertrauenserweckend schwärzen vielstellige Zahlen deren linkes obere Eck, und doch sind sie nur trügerischer Schein - Souvenirs aus jene Zeit, in der Paul Kahl, da man ihm statt des üblichen Sechsers ein zwei, ja fünf Mark auf den Kasten legte, einen Augenblick die bessere Zeit für gekommen hielt. Doch dann wuchs sich das aus in die Hunderter, Tausender, Zehntausender ..., so daß er einmal die erstaunlich Summe von 102 500 Mark an den Fiskus zahlte; wertlose Scheine Inflationsgeld ...

Über der Wohnzimmertür ein Thälmannbild und eine gerahmte Urkunde, die Paule als kommunistischen Veteranen auszeichnet.
Seit wann? "Seit 1919."

Quelle: NBI 31, 1964.

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