Leseprobe aus "Fragen, gestellt aus einem Grab"

Werde ich finden, was ich suche, in diesem Dickicht von Gräbern, deren Eindrücke verwirrend vielfältig sind für jeden, der diesen jüdischen Friedhof das erste Mal betritt, so wie ich?

Seit einer Stunde durchlaufe ich die schnurgeraden pappelumsäumten Alleen, die schmalen asphaltierten Nebenwege, vorbei an langen Reihen eng aneinandergelehnter Marmor-Obelisken und Granitquadern, die oft mit nicht zu übersehenden Spuren des Verfalls behaftet sind. Hier neigt sich eine mannshohe Steinplatte bedenklich weit nach vorn, dort rankt sich Efeu über die liegenden Grabquader, Namen und Lebensdaten der Verstorbenen überdeckend. Ein dicht wucherndes Gestrüpp droht das Gräberfeld im Hintergrund in nicht ferner Zukunft vollständig zu verschlingen. Kaum ein Grab, das durch einen Kranz, durch eine geharkte Fläche auf die Existenz sorgender Nachgeborener schließen läßt, obschon viele der Begräbnisstätten gerade erst ein Menschenalter jung sind.

Und Namen ziehen vorbei, in Stein geschlagen, blattgoldglänzend, oder aus bronzenen Reliefbuchstaben gesetzt, bekannte Namen, untrennbar verbunden mit den Geschicken der Stadt, mit der Wirtschaft, mit der Wissenschaft oder mit der Kunst: Karl Emil Franzos, Romancier und Erzähler, galizischer Jude, geboren im Revolutionsjahr 1848, über Wien nach Berlin gekommen, erster Herausgeber der Werke des Revolutionärs Büchner. Kaum zehn Schritt von ihm entfernt liegt Eugen Goldstein, Entdecker der Kanalstrahlen, einer der Urväter der Atomphysik. Und: Fränkel, der den diplococcus pneumoniae fand, den Erreger der kruppösen Lungenentzündung; Hermann Munk, der Gehirnphysiologe ...

Quelle: NBI 13, 1965.


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