Leseprobe aus "Alte Filme"

Kottes Tage sind ausgefüllt. Fünfmal in der Woche fährt er jeden Morgen um sechs Uhr sechzehn mit der S-Bahn vom Alexanderplatz nach Schöneweide ins Transformatorenwerk und verschwindet hinter einer Tür mit der Aufschrift Technische Konstruktion, setzt sich vor sein Reißbrett, das er erst, von den Pausen abgesehen, gegen drei Viertel vier wieder verläßt, steigt sechzehn Uhr zwölf am Bahnhof Schöneweide in den Zug und ist dreiundvierzig Minuten später am Kindergarten, Alte Schönhauser, wiederum zehn Minuten später im Konsum an der Ecke und gegen halb sechs vor seiner Wohnungstür, in der rechten Hand ein volles Einkaufsnetz, an der linken seine Tochter.

Kottes Tage sind ausgefüllt; seine Abende ebenfalls. Wenn Karla das Kind ins Bett bringt, steht Kotte in der Werkstatt im Keller und hobelt Bretter glatt, die er für eine Sitzbank in der Küche braucht. Die Schrankwand im Wohnzimmer hat Kotte auch gebaut und für die Kleine das Laufgitter; alles wie vom Schreiner. Nicht, daß Kotte sich neue Möbel nicht leisten könnte, Kotte verdient sechsvierzig netto und Karla vierhundert, bewahre - es macht ihm einfach Spaß, und es ist, sagt er, auch persönlicher, du weißt einfach, was du hast, sagt er, und nicht so'n Schund aus dem Laden.

Keine Stunde, die er im Keller verbringen kann, ist Kotte zuviel - nur wenn es im Fernsehen einen alten Film gibt, läßt Kotte alles stehen und liegen. Beim Fußball ebenfalls; da sitzt Kotte in seinem Sessel, Karla strickt, alles ist still im Raum bis auf die Stimme des Kommentators und die Geräusche vom Feld. Kotte starrt den unsichtbaren Linien nach, die der Ball auf der Mattscheibe zieht, nimmt ab und zu einen Schluck aus der Pilsnerflasche und brüllt manchmal auf, als wäre er tief getroffen.

Quelle: Alte Filme. Rostock: Hinstorff Verlag, 1975.

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