Leseprobe aus "Berliner Traum"

Die Spaltung des Erwin Racholl

Am 27. April, dem Tag seines fünfunddreißigsten Geburtstages, war Racholl auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, am 28. April, schon einen Tag später, an deren Ende.

Früh gegen neun Uhr war er zu seinem Vorgesetzten, dem Genossen Leo, gerufen worden, einem kräftigen Mann mit grauen Haaren und kämpferischer Vergangenheit, der ihm, schon in Hut und Mantel, die Eröffnung machte, er, Racholl, werde mit sofortiger Wirkung, also ab morgen, den Posten des Hauptreferenten übernehmen müssen und ob er sich dazu in der Lage fühle.

Racholl, vor Überraschung unfähig, ein Wort herauszubringen, nickte mit dem Kopf und nahm die Entschuldigung des Genossen Leo entgegen, daß alles so plötzlich gegangen sei, aber Racholl solle verstehen, es sei eine Entscheidung auf höchster Ebene, er, Leo, habe dringend eine neue Aufgabe zu übernehmen. Racholl solle seine Akten zur Übergabe vorbereiten, morgen früh wolle er ihn dann in sein neues Amt einführen, einverstanden?

Wieder war Racholl nur fähig, mit dem Kopf zu nicken, während der Genosse Leo, von der Sekretärin gedrängt, zu seinem Aktenkoffer griff, Racholl noch einmal aufmunternd und herzlich auf die Schulter klopfte, ihn mit zur Tür zog, um dann den Gang in Richtung des Paternosters hinabzulaufen.

Racholl erfaßte ein leichtes Schwindelgefühl, er wußte nicht, ob vor Freude oder Erschrecken. Er mußte die Augen schließen, sich an die Wand lehnen und hatte Mühe, seinen Körper in Gewalt zu bringen, als er hinter sich das Klappen einer Tür hörte und gleich darauf Frauenschritte auf dem Bodenbelag des Ganges. Ohne sich umzusehen, den Blick starr geradeaus gerichtet, ging Racholl in sein Büro, ließ sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch fallen und begann mechanisch den Aktenberg, der vor ihm lag, abzutragen.

Quelle: Berliner Traum. Fünf Geschichten. Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag, 1977.



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