Leseprobe aus "Michael"

Seit ich die Nachricht bekommen habe, verfolgt mich der Gedanke an Capellos Trommel, und sosehr ich auch versuche, ihm zu entgehen, ich weiß, es ist zwecklos, alles ist genauso wie damals, wie in Capellos Trommel.

Man steigt hinein durch eine schmale eiserne Tür, die hinter einem verriegelt wird, lehnt sich an die glatte, schräge Wand und spürt den Boden noch sicher unter den Füßen. Hoch über einem wölbt sich die Trommel zu einem überdimensionalen offenen Faß, man sieht einen lässigen jungen Mann in glasverkleideter Kabine und einige Köpfe, die erwartungsvoll am Rand hinunterstarren. Draußen schreit die Stimme des Ausrufers einmalig! sensationell! Capellos drehendes Faß!, und bald reiht sich hoch oben Gesicht an Gesicht, erwartungsvoll, lauernd, und man möchte wieder hinaus, weiß aber, es geht nicht, die Tür ist verriegelt.

Dann legt der lässige junge Mann einen Hebel um, und mit einem plötzlichen drohenden Brummen beginnt die Trommel zu rotieren, steigert sich schnell in ein hochtouriges Pfeifen, und man wird an die Wand, an die glatte, gewölbte Wand gepreßt, die Gesichter verdoppeln sich. verschwimmen, die glasverkleidete Kabine ist ein flüchtiger Reflex im Scheinwerferlicht, einmalig, sensationell, und dann wird man gezogen, unaufhaltsam nach oben gezogen, der sichere Boden verschwindet unter den Füßen, man tastet nach einem Halt und ist schließlich unfähig jeder kontrollierten Bewegung, undähig sich zu rühren, immer höher hinauf, stetig und unaufhaltsam.

Quelle: Michael. Rostock: Hinstorff Verlag, 1983.

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