Leseprobe aus "Trug"

Optische Interferenzen?

Die sonderbaren Geschehnisse, durch die Strehlows Leben eine ebenso jähe wie ironische Wendung nahm, begannen an einem Aprilmittwoch Mitte der Achtziger vor dem Schaufenster eines Cafés Friedrichstraße Ecke Unter den Linden. Eben noch hatte er, tief in Gedanken versunken, die Straße überquert, war ein paar Stufen hinaufgegangen und hatte das Bassin eines kleinen Springbrunnens passiert, als er die Fetzen einer Musik vernahm: ein rhythmisches Trommeln und helles Pfeifen, weit entfernt zwar, aber doch deutlich genug, daß ihm unvermittelt ein Bild aus frühester Kindheit vor Augen trat.

Er blieb stehen, schloß die Augen, horchte auf die vom Verkehrslärm zerrissene Melodie und sah sich zwischen seinen Eltern an einer von Menschen gesäumten Allee den Kopf recken und auf die Fußspitzen stellen, sein Vater hob ihn auf die Schultern, nun schwebte er über allen Köpfen und sah unter sich die uniformierten Männer mit den silbernen Querflöten, den blitzenden Fanfaren, den Tambourmajor, der seinen bunten, troddelbehangenen Stab in die Höhe warf, und die Trommler, die ihre Stöcke so eindringlich auf dem Fell tanzen ließen, daß sich ihr Rhythmus auf den kleinen Strehlow und seinen Vater wie automatisch übertrug und sie im Takt wippten, als wären ihre Körper eins.

Noch die Vorstellung ließ ihn lächeln, und er erinnerte sich einer Harmonie, wie er sie seither nicht wieder empfunden hatte. Jemand streifte im Vorbeigehen seinen Arm, Strehlow öffnete die Augen, war für einen Moment desorientiert, sah nach rechts, sah nach links, und sein Blick fiel auf die mächtige Fensterscheibe eines Caféhauses und direkt auf sein Abbild.

Quelle: Trug. Roman. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2001.

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