Leseprobe aus "Die Seele der Männer"

5. Kapitel

André blieb aus, den ganzen Frühling über. Auf seine Nachfragen im Vorraum des Männerklosetts erhielt Brehm unterschiedliche Antworten. Die einen vermuteten, er sei Richtung Westen gemacht, die anderen wußten etwas von einer Frau mit einem Haus in der Nähe von Leipzig, zu der er möglicherweise gezogen sei, aber alles blieb im Vagen, und die meisten zuckten ohnehin die Achseln.

Statt der muskulösen Erscheinung André Szyparskis schob sich die jugendliche, selbst im Kittel noch elegante des Herbert Obst genannt Archibald in sein Blickfeld. Seit der Zeit der großen Feste hatte er nichts von seiner Wirkung auf die Frauen eingebüßt; sobald er einen Raum betrat, zog er ihre Blicke auf sich, und sein Schritt wurde noch federnder, das Blau seiner Hans-Albers-Augen noch strahlenSder. Auch loderten immer wieder Gerüchte über kurzzeitige Liebschaften auf, konnten aber nie bestätigt werden. Unumstritten war nur, dass er zu Ilona Kreutziger aus dem Prüffeld besondere Beziehungen unterhielt, zweimal waren sie in den vergangenen Wochen nach Feierabend zusammen gesehen worden, und zur Maidemonstration kamen sie sogar untergehakt.

Jetzt lief Archie immer öfter an Brehms Fenster vorbei, verschwand bei den Glimmerfrauen, deren freudigen Jubel Brehm durch das geöffnete Fenster hören konnte, kam nach einer kurzen Weile heraus, leicht gerötet im Gesicht und in lässiger Haltung, winkte ihm mit einer lockern Handbewegung zu und verschwand Richtung Lackkammer. Einmal aber, er war gerade mit einer Viskositätsmessung beschäftigt, blieb Archie vor dem halb geöffneten Fenster stehen und blickte ihn an, als wolle er ihn abschätzen. Brehm drückte auf die Stoppuhr, als der Faden des braunen Lacks abriß, notierte die Zeit und drehte die Sitzfläche des Schemels zum Fenster. Archie trug einen zartgelben Binder zu einem taubenblauen Hemd.

Sag mal, täusche ich mich oder hast du nicht bald Geburtstag?

Quelle: ndl 1, 2001. S. 13.


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