Leseprobe aus "Hotel oder Hospital"

Umrisse

Nacht

Der Wunsch abzureisen überfällt mich wie eine Krankheit. Ich stehe auf von meinem Bett, drücke den Schalter der Tischlampe und gehe zum Fenster. Draußen ist Nacht, die Stadt, die nördlich liegt, in Schwärze versunken, nur das Krankenhaus vor mir, das sich schattenhaft markiert, verrät eine Spur von Leben: Lichtrechtecke, groß und gelb, wie Positionslichter in einem Meer von Nacht, aber ich fürchte, ich habe mich dennoch verirrt.

Noch vorhin, noch vor ein paar Stunden, war mir nach allem anderen zumute als nach Reisen. Ich habe, wie immer in den letzten Tagen, meine Rundgänge mit Doktor K. gemacht, habe Fälle notiert, Daten in mein Notizbuch geschrieben und Verabredungen getroffen, ein Ablauf, der fast schon Reflex geworden war. Und kurz vor Feierabend bin ich zum Telefon gegangen, habe Schwester Sigrid angerufen und sie erinnert, daß sie mir noch den zweiten Teil ihrer Geschichte schuldig sei.

Daran ist nichts Besonderes, sagte sie in ihrer reservierten Art, und ich antwortete, daß es mich dennoch interessiere, und sie sagte: na ja, und blieb zurückhaltend, und ich sagte, es müsse ja nicht heute sein. - Ich nahm meine Samen, wollte auf mein Zimmer, das im Ärztewohnheim liegt, und nahm den Weg, der an der Dispatcherzentrale vorbeiführt. Meist sitzen dort die Fahrer oder der Arzt, der Bereitschaftsdienst hat, und ich kann dort eine Zigarette rauchen oder mich unterhalten oder einfach nur zuhören.

Quelle: Hotel oder Hospital. Rostock: Hinstorff Verlag, 1973.

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