Rykestraße



Auch meine Mutter war, zusammen mit meiner Tante und meiner Schwester, zum Wasserturm in der Rykestraße gelaufen, unter dem ein riesiger Vorratskeller lag. Durch das Eingangstor wären Hunderte von Menschen geströmt und hätten herausgetragen, was sie gerade packen konnten. Meine Mutter hätte meiner Schwester wegen des gefährlichen Gedränges befohlen, draußen zu warten, und sich mit meiner Tante armrudernd und schimpfend in das finstere Innere gezwängt.



Drinnen wäre ein unvorstellbarer Tumult gewesen, die Leute hätten sich um die Sachen geschlagen, und beide wollten nur eines: gleich wieder hinaus. Meine Tante hätte noch den erstbesten Karton gegriffen und ihn unter Aufwendung aller Kräfte zusammen mit meiner Mutter durch die Anstürmenden hindurch ins Freie gebracht. Schweißgebadet und erschöpft wären sie bei meiner Schwester angekommen und hätten erst dort festgestellt, daß sie einen Karton mit Bierhefe in den Händen hielten. Vor Enttäuschung hätte meine Mutter beinahe angefangen zu weinen, und sie wäre nicht mehr zu bewegen gewesen, das Vorratslager noch einmal zu betreten.

Quelle: Die Sache mit Randow. Berlin: Aufbau-Verlag, 1996. S. 135f.

Nach beiden Seiten spähend, lief Strehlow die breite Straße entlang und schlug an der zweiten Eckkneipe rechts ein. Soweit er es im Dämmerlicht der Laternen erkennen konnte, hatte sich so gut wie nichts verändert, nur daß es noch stiller geworden schien, als er es im Gedächtnis hatte, und als sie in die Straße einbogen, die auf die Ryke zuführte, kam es ihm vor, als wären sie die einzigen Passanten, die sich zu dieser Abendstunde im Freien bewegten. Er hörten den Hall ihrer Schritte und seinen Herzschlag, der stärker wurde, je näher die dem Ruinengrundstück an der Ecke kamen, und als sie es erreicht hatten, sah er statt der öden Fläche dichten parkähnlichen Bewuchs, und die kleine Pappel, an die er sich dunkel erinnert, war bis zur Höhe des vierten Stockwerks gewachsen.

Quelle: Trug. Berlin: AtV, 2001. S.130f.

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