Danziger Straße


Anfang Mai 1945. Sie zogen in Kolonnen die Danziger Straße hinauf, längs der Straßenbahnlinie vier, Richtung Wedding; stämmige braungebrannte Männer auf Panjewagen, vor denen zottige Pferde gespannt waren. Unsere Straße war weiß von Bettlaken, Kopfkissen und Handtüchern, die zum Zeichen der Kapitulation aus den Fenstern hingen. Wir standen vor der Haustür und starten auf den schmalen Durchgang der Barrikade, durch den die deutschen Soldaten kamen, waffenlos und ohne Schulterstücken, erschöpft und erleichtert. Ich suchte unter ihnen nach meinem Vater, der zur Polizei eingezogen war, doch er kam weder an diesem noch am nächsten Tag.

Quelle: Von der Schwierigkeit, Westler zu werden. Berlin: AtV, 2000. S. 21.

Diese Straße, die Straße meiner Kindheit. Eine breite, sich mit wachsender Entfernung verengende Schlucht. Zu beiden Seiten vertikal herabstürzende Steinhänge, die mir graublaubraun erscheinen in der Erinnerung; die holzverkleideten Früchte der Balkons, bauchig und von verblassendem Grün; die Sohle des Fahrdammes, quadratische Steine, die von Rinnstein zu Rinnstein im Fischgrätenmuster gesetzt waren, mit schwachem gräsernem Bewuchs im Sand der Fugen, der sich - aus der Perspektive von Gebhardts Ladenstufen betrachtet - wie ein pelziger Teppich über die Straße breitete, nach rechts und nach links, aber links endete er vielleicht zwanzig Meter vor der Hauptstraße, die einmal nach der Stadt Danzig und später nach Dimitroff benannt worden war, da war der Damm nur Stein und Fuge, war ein Riß im pelzigen Bewuchs, das konnte man von den Stufen vor Gebhardts Laden genau ausmachen, ein Streifen, zwanzig Meter breit etwa, genau an jener Stelle, wo die Wehr gestanden hatte für drei Wochen

Quelle: Michael. 6. Aufl., Rostock: Hinstorff Verlag, 1983. S. 126f.



Vorhin, ich war in meine alte Gegend gefahren und stand an der Ecke der Straße, in der ich aufgewachsen bin, wurde mein Blick von einer alten Frau angezogen, die über die Straßenbahnschienen in der Dimitroff, früher Danziger lief, eine kleine gebeugte weißhaarige, am Stock und mit kurzen, trippelnden Schritten laufende Frau, die sich vorsichtig umblickte, bevor sie ihren Fuß auf den Damm setzte. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich meine Mutter.

Quelle: Fliegender Wechsel. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 1990. S. 269f.

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