Brunnerstraße



Dreizehn Jahre hatten wir am Rosenthaler Platz gewohnt, in der Brunnenstraße, drei Zimmer zur Untermiete, mit Küchenbenutzung; die letzten Jahre zu fünft. Das Haus hundert Jahre alt, die Gegend dreckig, die Straße mit Durchgangsverkehr; wenn im Sommer die Straßenbahn vorbeifuhr, konntest du, bei offenem Fenster, dein eignes Wort nicht verstehen. Auf dem gleichen Flur war eine Hals-Nasen-Ohren-Praxis, unsere Kinder hatten Dauerinfektionen; zum Schluß wollten wir nur noch raus.

Quelle: Fliegender Wechsel. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 1990. S. 76.



Dreiundsiebzig lief ich bis zur Voltastraße, stieg die Treppe hinunter in den Schacht, noch immer die warnende Stimme aus dem Lautsprecher, dies sei der letzte Bahnhof in Westberlin, wieder dieses Herzklopfen, diese Gefühl der Enge um die Brust herum, der Zug setzte sich in Bewegung, der dunkle Tunnel, dann Bahnhof Bernauerstraße, heruntergekommen, schummrig, eine Minute später Rosenthaler Platz, der Zug fuhr auf den Bahnhöfen langsamer, ich starrte in das dämmrige Licht, sah schattenhaft die Umrisse eines Bahnpolizisten, sah uralte Reklameschilder, die schmutzigen schwefelgoldenen Kacheln, und ungefähr auf der Höhe des zweiten Schildes mit dem Namen der Station hatte ich das Bild der Straße vor Augen,

die fünf MeterHausnummer Brunnenstraße 5 über mir lag, das Haus Nummer fünf, in dem wir damals wohnten, zweiter Stock, drei Zimmer, Untermiete, es war gegen eins, die Kinder mußten aus der Schule gekommen sein, saßen um den Tisch im Vorderzimmer unter einem Druck von Miró beim Mittagessen.

Quelle: Fliegender Wechsel. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 1990. S. 65.



In den letzten Wochen, auch wenn keine Notwendigkeit bestand, öfter als sonst in den Osten gefahren. In der Nähe der Brunnenstraße geparkt, in den Buchladen am Rosenthaler Platz gegangen und in die Markthalle Ackerstraße und zum Schluß über den Park am Weinbergsweg spaziert. Wie einer, der sich nach einer großen Anstrengung für eine Moment ausruhen muß.
Einmal - ich habe vor meinem Haus in der Leipziger geparkt, die Klingelanlage war kaputt, das Telefon über eine Stunde besetzt, habe ein paar Mal auf die Hupe gedrückt, in der Hoffnung, es zeige sich jemand am Fenster im elften Stock - einmal überfiel mich ein unheimliches Gefühl, meine Doppelexistenz betreffend.

Quelle: Fliegender Wechsel. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag, 1990. S. 267.

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