Torstraße


Ich habe mich zum Beispiel gefreut, daß ich jetzt wieder Jägerstraße statt Otto-Nuschke Straße sagen kann, wenn ich den Weg zu Kleistens letzter Berliner Adresse vom U-Bahnhof Französische in die Mauerstraße beschreibe. Es hat mich auch beeindruckt, daß die Wilhelm-Pieck nicht in Elsässer- und Lothringer zurückverwandelt wurde. Offenbar ist der Administration rechtzeitig der Grund für die vielen Umbenennungen in den fünfziger Jahren eingefallen: Es sollte die Erinnerung an einst deutsch regierte oder Preußen eroberte Gebiete nicht via Straßennamen im kollektiven Gedächtnis behalten werden. So hat man sich bei der Namensfindung auf eine Zeit verständigt, in der sie noch Torstraße hieß und am Oranienburger Tor aus der Friedrichstadt heraus in den sandigen, seinerzeit unbebauten Nordosten führte. Eine rührende, geschichtsbewußte Geste in Richtung des westlichen Verbündeten Frankreich, finde ich. Nur daß ein ähnlich sensibler Umgang mit unserem östlichen Nachbarn nicht für nötig befunden wurde und die Dimitroff nun wieder Danziger heißt, irritiert mich noch immer. Dabei will ich gar nicht glauben, daß es eine politisch bewußte Handlung war. Eher möchte ich es auf ein unterschwelliges Besitzdenken besser: Besitzgefuhl zurückführen, und so wie heute die lange als verloren geltenden Ansprüche aufs immobile Gut zwischen Oder und EIbe von der zweiten und dritten Generation energisch geltend gemacht werden, hofft man, fürchte ich, auf eine Zeit, in der die vergilbten Dokumente aus der deutschen Periode Pommerns, Schlesiens und Ostpreußens vielleicht doch noch ihren Wert zurückbekommen.

Quelle: Ein Brief nach Island. In: Von der Schwierigkeit, Westler zu werden. 3 Aufl., Berlin: AtV, 2000. S. 160f.



'Kaffee Burger' - Anfang bis Mitte der Siebziger Jahre trafen sich dort regelmäßig Künstler und Literaten, darunter auch Klaus Schlesinger.

"Den Restaurationsstandort Torstraße 60 gibt es seit 1890. Erinnerlich ist, daß sich in den zwanziger Jahren hier ein eher anrüchiges Lokal namens "Café Lido" befand. Mit der Séparéekultur hatte es dann im Dritten Reich sein Ende. 1936 übernahm die Familie Burger das Lokal, daher auch der Name Kaffee Burger, der anheimelnde Fraktur-Schriftzug an den Fenstergittern stammt allerdings aus den fünfziger Jahren. Die Schreibung "Kaffee" war eine Eigeninitiative des Schlossers. Bis zum Tanzverbot Anfang der vierziger Jahre wurde im Kaffeehaus geschwooft, und natürlich auch wieder, als man in die Hände spuckte. Später stand die obere Etage im wesentlichen leer und wurde über Jahre von der Stasi als Observationsposten für den Protokollstreckenknotenpunkt Schönhauser Tor genutzt."

Quelle: B. Papenfuß: "Tanzwirtschaft", ein angewandter Fortsetzungsroman.

"Eine urige Dichterkneipe war die Gaststätte nicht, sondern ein gutbürgerliches Lokal mit weißen Tischdeckchen. Zum Intellektuellen-Treffpunkt wurde es, weil viele Autoren in der Nähe wohnten, an der benachbarten Volksbühne arbeiteten - und weil das Restaurant bis um ein Uhr nachts geöffnet war. Die Ausreisewelle vieler kritischer Köpfe nach der Biermann-Affäre beendete diese besondere Zeit."

Quelle: Berliner Zeitung, 12.7.2000.

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