Autorenanthologie - Operativer Schwerpunkt Selbstverlag

Ende 1973 / Anfang 1974 beginnen Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger und Martin Stade, an einer Anthologie mit dem Arbeitstitel "Berliner Geschichten zu arbeiten. DDR-Autorinnen und -Autoren werden eingeladen, ihre Beiträge einzureichen und miteinander zu diskutieren. Die Sammlung soll in einem eigenen Verfasserverlag erscheinen, um die Zensur und Einsprüche seitens der Verlage zu umgehen. Ihr geplantes Herausgabeprinzip ist Einstimmigkeit: "Erst wenn der Band von allen Beteiligten akzeptiert worden ist, wird er einem Verlag angeboten. Das finanzielle Risiko tragen alle Autoren", heißt es in dem Brief, den die drei Initiatoren an Schriftsteller und Schriftstellerinnen senden.

Das erste Treffen der bislang an der Anthologie Beteiligten findet am 10. September 1975 statt. Einige Verfasserinnen und Verfasser haben bereits ihre Unterstützung zugesagt, unter anderem Günter de Bruyn und Stefan Heym, die ersten Beiträge sind eingereicht.

Die Stasi erfährt etwa Anfang 1975 von den Überlegungen Plenzdorfs, Schlesingers und Stades zur Verlagsgründung. "Durch das MfS wurden geeignete Maßnahmen eingeleitet, um das weitere Vorgehen der Initiatoren und Autoren der Anthologie unter Kontrolle zu halten." Im November 1975 laufen verschiedene Maßnahmen an, die unter der Bezeichnung "Operativer Schwerpunkt Selbstverlag" beim MfS geführt werden. Das MfS versucht, Mitarbeiter in den Kreis der an der Anthologie Beteiligten einzuschleusen, einzelne Autorinnen und Autoren werden durch einen oder mehrere IMs teilweise innerhalb einer OPK [Operative Personenkontrolle] beobachtet und instruiert, Informationen über sie zu beschaffen. Schlesinger und seine Frau Bettina Wegner sind dabei von besonderem Interesse. Teilweise geben die Beteiligten gutgläubig den MfS-Mitarbeitern gegenüber selbst Auskünfte über das Vorhaben.

An der Anthologie beteiligte Mitglieder des Schriftstellerverbandes wie Jürgen Leskien, Helga Schubert und Martin Stade werden von Verbandskollegen in Einzelgesprächen gedrängt, sich zu positionieren und sollen, wenn möglich, dazu bewegt werden, ihre Beiträge zurückzunehmen bzw. sich von der Arbeit an der Anthologie vollständig zurückzuziehen.

Schlesinger und Stade wenden sich im Februar 1976 brieflich an den Schriftstellerverband und fordern Aufklärung über den Sinn der Aussprachen, legen, um falsche Behauptungen auszuräumen, das Projekt in groben Zügen dar und verlangen ein Einschreiten des Verbandes gegen weitere Gerüchte. Im März ist auf Seiten der Organisatoren die Unsicherheit ob des Gelingens der Anthologie so groß, dass sie zunächst die aktive Arbeit daran einstellen und abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Im Mai werden Stade, Schlesinger und Plenzdorf zum Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes Herrmann Kant geladen, der ihnen Verleumdung des Schriftstellerverbandes vorwirft und mit dem Ausschluss droht, sollten sie nicht das Manuskript dem Schriftstellerverband zur Prüfung übergeben. Den Buchverlag "Der Morgen", der der Verhandlungspartner für die Veröffentlichung der Anthologie ist, will Kant über die Aussprache informieren.

"Im Abschlussvermerk zum operativen Material ‚Selbstverlag'" im August 1976 wird unter anderem folgendes Ziel gesteckt: "In koordinierter operativer Bearbeitung aller an der Anthologie beteiligten Personen durch alle entsprechenden Diensteinheiten ist zu erreichen, dass die Anthologie ‚Berliner Geschichten' nicht vor dem IX. Parteitag der SED in einem Eigenverlag erscheint und die beteiligten Autoren von diesem Vorhaben der Gründung eines Eigenverlages Abstand nehmen..." Die Bilanz lautet bis zu diesem Zeitpunkt u.a.: "Im Kreise der beteiligten Autoren wurden die unterschiedlichen Absichten und Auffassungen ausgenutzt, um einen beschleunigten Differenzierungsprozess zu erzielen, ... die Fertigstellung des Manuskriptes wurde um drei Monate verzögert und konnte erst im März 1976 vollendet werden, ... das fertiggestellte Manuskript musste offiziell dem Buchverlag ‚Der Morgen' angeboten werden, wo entsprechend den dafür geltenden Bestimmungen und kulturpolitischer Normative über eine Veröffentlichung des gesamten Manuskriptes oder Teile daraus entschieden wird." Im November liegen die Manuskripte noch immer beim Verlag. Im Januar 1977 erklärt Schlesinger einem IM gegenüber, "in Sachen Anthologie engagiere er sich nicht mehr."


Quelle: Berliner Geschichten "Operativer Schwerpunkt Selbstverlag" Eine Autoren-Anthologie: Hgg. Ulrich Plenzdorf, Klaus Schlesinger, Martin Stade. Frankfurt/Main: suhrkamp taschenbuch 1995.

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