Der Reportagekurs von Jean Villain

Klaus Schlesinger lernte im Jahr 1963 über die gemeinsame Freundin Mette Lüning den Schweizer Schriftsteller und Journalisten Marcel Brun kennen. Brun, der seine Arbeiten unter dem Pseudonym Jean Villain veröffentlicht, erhielt den Auftrag, für die "Neue Berliner Illustrierte" (NBI) einen zweijährigen Kurs für Nachwuchsreporter durchzuführen und suchte dazu begabte junge Leute. Die im Kurs entstehenden "literarischen Reportagen" sollten in der NBI veröffentlicht werden und ihr dadurch eine breitere Leserschaft erschließen.

Schlesinger erhielt neben anderen ein großzügiges Stipendium und konnte gemeinsam mit Landolf Scherzer, Axel Kaspar, Anne Dessau und Gert Prokop an dem im Herbst 1963 beginnenden Reportage-Kurs teilnehmen.

Kursablauf

Im theoretischen Teil des Kurses lasen und analysierten die Teilnehmer Texte aller Genres und Epochen, gesellschaftswissenschaftliche Werke, klassische und moderne Weltliteratur. Der praktische Teil bestand aus Beobachtungs-, Dokumentations- und Verfremdungsübungen unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades. Das Ergebnis einfacher Dokumentationsübungen, in denen Material gesammelt, gesichtet und verarbeitet wurde, waren Kleinreportagen zu Themen wie "Die Geschichte der Berliner Staatsoper" oder "Der Judenfriedhof". In den Beobachtungsübungen wurden Handlungsabläufe studiert und zu lebendigen Skizzen verarbeitet (z.B. "Eine Straßenbahnfahrt, Sonntag früh um 2.30", "Das Verhalten des Publikums bei einem Fußballmatch"). In der komplexen Dokumentation wurden größere sozialökonomische Probleme zunächst breit recherchiert und dokumentiert. Die so gewonnenen Erkenntnisse ließen sich anschließend "in vivo" überprüfen und zu großen Reportagen verarbeiten. In den Verfremdungsübungen lernten die Kursteilnehmer den schriftstellerischen Umgang mit dem Brechtschen Verfremdungseffekt. In der NBI erschienen bald die ersten im Kurs entstandenen Reportagen.

Der Kursleiter Marcel Brun arbeitete zeitgleich an der Konzeption und am Inhalt der Nullnummer eines geplanten sozialistischen Nachrichtenmagazins "Profil" mit, das im Sommer 1964 fertig gestellt und im Oktober an ausgewählte Gutachter verteilt wurde. Geplant war, dass einige Teilnehmer des Reportage-Kurses nach erfolgreichem Abschluss an dem neuen illustrierten Nachrichtenmagazin mitwirken sollten. Vor dem Hintergrund der Absetzung von Chruschtschow wurde das Projekt jedoch vorzeitig von der SED gestoppt.

Das Ende des Kurses

Ein Vorfall, den Klaus Schlesinger im "Fliegenden Wechsel" (S. 111f.) beschreibt, wurde von offizieller Seite aufgegriffen, um die Weiterführung des Kurses in Frage zu stellen:
"[...] eine Feier, offizieller Geburtstag der NBI, der zwanzigste, Empfang, kaltes Bufett, viel Wein, und hinterher in kleinem Kreis in der Chefredaktion, dummerweise lief ich mit, trank viel Schnaps und machte einige ironisch provozierende Bemerkungen zur Informationspolitik, dummerweise auch in Anwesenheit zweier Mitarbeiter des ZK, oder gerade deswegen, schwerer Kopf am nächsten Tag, schlechte Gefühle die ganze Woche über, [... ]."
Der Kurs konnte zwar noch zu Ende gebracht werden, doch Klaus Schlesinger und den anderen Absolventen wurden die ursprünglich für sie vorgesehenen großzügigen Verträge von der NBI verweigert.

Quellen: Gespräch mit Marcel Brun am 5. 2. 2003;"Abschließender Kursbericht" von Marcel Brun.

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