Leseprobe aus "Der Rekordlauf "

Die Frau in der Küche (verfremdete Fassung)

Das Stadion ist ihre Küche, und sie betritt es, von der Arbeit kommend, Punkt 17.15 Uhr mit einem prallgefüllten Netz und etwas atemlos vom Treppensteigen. Doch keine Pause ist ihr vor dem neuen Start vergönnt, und die bange Frage WIRST DU ES SCHAFFEN, zum x-ten Mal gestellt. kommt ihr kaum noch zum Bewußtsein. AUF DIE PLÄTZE ... schreit der imaginäre Starter, und sie stellt das Netz auf den Tisch. FERTIG ... sie zieht ihren Mantel aus. will ihn in den Schrank hängen. aber das nächste entscheidende Kommando ist schon zu nah, also über die Stuhllehne mit dem Ding und LOS!

Eine knappe Stunde hat sie Zeit. um das Essen zu bereiten, den Teppich in der Stube zu saugen, die Vorräte einzuräumen, die Sachen für das Kind zurechtzulegen, die Küche wieder etwas in Schuß zu bringen, und was da noch alles so dranhängt. Alles in einer knappen Stunde. denn acht Minuten nach sechs wird ihr Mann kommen, das Kind an der Hand, und bis dahin muß sie fertig sein, weil sonst wieder alles durcheinander käme. Der müde, unlustige Mann, der sich aufatmend in den Sessel fallen läßt - "Heut war wieder mal was los bei uns, einen Hunger hab ich ..:" - Und das Kind, das durch die Zimmer rast, hier etwas hinwirft, dort etwas herauszieht - eine Tüte Mehl oder die Schüssel mit den Eiern, und dann dieses nervenzehrende: Tu das nicht, geh da nicht ran, laß das! Es ist zum Kotzen ...

Nachdem die Frau die Milch auf den Gasherd gesetzt hat, räumt sie die Vorräte in den Küchenschrank und beginnt mit dem Kartoffelschälen. Das eigentümliche flappende Geräusch, mit dem die dicken Schalen auf den Tisch fallen, mischt sich mit dem eintönigen stetigen Ticken der Uhr, die jetzt 17.23 Uhr zeigt. Die erste Runde hat sich gut angelassen, wenn erst mal die Kartoffeln auf dem Feuer stehen, hat sie vielleicht Aussicht, in Rekordzeit fertig zu werden. Schneller bewegt sie das Messer, und dicker fallen die Schalen herab. Aber da zischt es. In zwei Schritten ist die Frau am Herd, stellt das Gas ab und pustet die überkochende Milch in den Topf zurück. Pech gehabt, denn das bedeutet eine Minute Verlust beim Abwischen des Gasherdes.

Quelle: Jean Villain: Die Kunst der Reportage. Berlin: DFF, 1965. Anhang. S. 60f.


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