Leseprobe aus "Kohle contra Land"

Wir bogen um eine Ecke - plötzlich zeigt das Pflaster Beulen und Risse wie nach einem Erdbeben. Aus verlassenen Häusern starren uns nackte, rahmen lose Fensterlöcher an. Vom Putz entblößte Wände und Giebelgerippe strecken sich klagend in den Himmel. Wo ist die Straße geblieben, auf deren holprigem Band eben noch so sicher Lastkraftwagen dahindonnerten? Wo sind die Gärten mit ihren Nelken und Rosen? Wo die Häuser mit ihren schützenden Dächern und den blanken Fenstern, hinter deren geordneten Gardinen sich das alltägliche Familienleben den neugierigen Blicken Außenstehender entzieht?

Vor uns hat sich die Erde aufgetan zu einem fünfzig Meter tiefen unüberschaubaren Krater. Terrassenförmig verjüngt er sich nach unten. Stürme fegen schwarzen Staub über seinen Rand und jagen uns den Dreck in die Augen. Die graue Erdwand durchzieht ein breiter dunkler Streifen: Braunkohle. In weiten Strecken breitet sie sich unter der Dorflage aus. Kreischend schieben sich Baggerkolosse das Land zwischen die stählernen Zähne, um das Kohleflöz freizulegen. Näher und näher rückt der Rand des Abgrundes an die Stätten menschlicher Gewohnheiten - gefährlich nah ist ihre Todesstunde.

Warum aber ziehen die Frauen noch immer in den vertrauten rumpligen Krämerladen? Warum überladen sie ihre Speisekammern noch immer mit Vorräten, statt ihr Bündel zu schnüren und zu retten, was zu retten ist? Ein Dorf liegt in Agonie, und seine Männer würfeln am Feierabend in ihrer Stammkneipe seelenruhig die nächste Lage aus. Fürchten sie sich nicht vor dem Zeitpunkt, da sie Haus und Hof verlassen müssen? Werden nicht langgehegte Freundschaftsbande erbarmungslos auseinandergerissen? Müssen Verwandte sich nicht von Verwandten trennen? Die Tage ihres Dorfes sind gezählt, warum, zum Teufel, tun sie also so, alss ginge sie das alles gar nichts an?

Quelle: NBI 42, 1964.

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