Leseprobe aus "Klingelbälle und Reliefs"

Äußerste Ruhe ist geboten, wenn der gegnerische Spieler zum Schleuderwurf ansetzt. Einen Moment später prallt der fußballgroße Medizinball dumpf über den Rasen, worauf sich die drei bisher geduckt lauschenden und wie beim Eishockey ausgepolsterten Torhüter In die erahnte Richtung werfen, den Ball unter sich begraben, ihn so schnell sie können den Werfern der eigenen Partei übergeben und dann gerade noch Zeit genug haben, sich an den Torpfosten über ihren Standort zu informieren.

Da unterbindet der Pfiff des Schiedsrichters den erwarteten Wurf, weil von der nahen Straße Motorenlärm hörbar wird und sekundenlang jedes andere Geräusch überdröhnt. Erst nachdem sich der Lärm in der Ferne verloren hat, wird der Kampf wieder freigegeben, denn diese Spieler können ihr ledernes Streitobjekt nur mit dem Gehör wahrnehmen. Sie sind blind und haben für ihre sportliche Betätigung nichts nötiger als äußerste Ruhe ...

Leise entfernen wir uns von jenem temperamentvollen, Rollball genannten Kampfspiel und wenden uns weiteren bemerkenswerten Tatsachen zu, denn vorher sahen wir Schulkinder mit den Fingern das Große Einmaleins lesen, sahen wir Werkstätten und Internate; Schreibmaschinen, die nur sieben Tasten haben, und Stenotypistinnen, denen per Tonband diktiert wurde.

Weiterhin sahen wir inmitten eines zwei Dutzend Hektar großen Parks über sechzig einstöckige Pavillonbauten, die hell verputzt und mit spitzen Giebeldächern eher an wohnliche Villen denn an Schulgebäude erinnern. 500 durch Alter, Unfall oder Krankheit Erblindete aus allen Schichten der Bevölkerung und aus allen denkbaren Altersgruppen werden hier versorgt, medizinisch betreut, polytechnisch geschult und für einen Beruf spezialisiert - jeder nach seinen Bedürfnissen: Die Alten werden gepflegt, die Jungen ausgebildet, die Kleinsten erzogen.

Quelle: NBI 4, 1965.

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