Leseprobe aus "Die Guthaben des Dr. Hackensellner"

Besuch in einer Berliner Bank

Ja, das Schild am Eingang trügt nicht, ich bin in einer Bank. Ja, auch Werte sind hier deponiert, höchst kostbare sogar, wenn nicht unschätzbare, denn kein Kalkulator der Welt sähe sich wohl imstande, ihren genauen Preis zu fixieren.
Und doch tragen die Fenster keine Gitter! Und doch sind die Türen, statt gepanzert, zum größten Teil aus Glas, noch nicht einmal aus kugelsicherem ...

Aber wozu auch, wenn selbst potentielle Bankräuber die hier gelagerten Werte im Bedarfsfall über ihre zuständige Sozialversicherung umsonst bekämen: die Depositen der Berliner ZENTRALEN GEWEBEBANK, die Knochen, Sehnen, Blutgefäße, die Kalotten, Knorpel, Knochenschrauben - Ersatzteile der menschlichen Physis ...

Wo sind sie? -
"Hier", sagt der Angestellte, der mich empfangen und an einen Spülstein geführt hat, "hier müssen sie sich - vor allem anderen - erstmal die Hände waschen ..." Bitteschön.

Wie man steril wird

Doch ist dies keine Waschung im gewöhnlichen Sinne. Gründlicher geht's nimmer, ich muß Hände und Unterarme zehn lange Minuten (laut Vorschrift) mit einer undefinierbar aber eindringlich duftenden Seife sowie einer knorrigen Wurzelbürste behandeln, und jedesmal, wenn der scharfe Wasserstrahl das schaumige Zeug in den Abguß spült, bin ich aufs neue erstaunt, welch ungeahnte Farbtöne meine Haut hervorbringen kann. Dann erklärt mein Betreuer die Reinigung für gründlich genug, doch damit ist die hygienische Prozedur keinesfalls beendet. Dem Ritual der Waschung folgt das der Einkleidung.

Kaum, daß ich Zeit habe, auch nur die notwendigsten Eindrücke zu registrieren - die dickbauchigen Glaskolben, in denen feuerrotglühende Elektroden für zweifach destilliertes Wasser sorgen; die fauchenden Bunsenbrenner; Panzerschränke, die keine sind, sondern ihre mächtigen Türen zur Isolierung der inneren Kälte (-30 °C) tragen; und rundbrüstige Exsikkatoren, denen ratternde Ölvakuumpumpen die Luft aus den Leibern ziehen - da stehe ich in einem blitzsauberen, grünblau gekachelten Laborraum, von dessen Decke herab längliche Ultraviolett-Leuchten ein schmerzhaftes, gleißend weißblaues Licht strahlen.

Quelle: NBI 32, 1965.


Zurück