Leseprobe aus "Ikarus"

Mathias

Eine Schule.
Das Gebrüll von Kindern.
Eine Klingel, hell und scharf.
Das Gebrüll von Kindern, verebbend. Gänge, die sich leeren.
Türen, die sich schließen.
Ein Flur, in den rechts und links Treppen münden.
Eine Kindergruppe, Mappe auf dem Rücken, die die Treppe rechterhand hinauf stürmt: zum Hort.
Ein Junge, blaß wie Stadtkinder sind, der sich etwas zurückhält, als wolle er sich verstecken, und der, fragte man ihn warum, ohne zu zögern antworten würde: Weil ich neun geworden bin, heute, und fliegen werde - das hat mir mein Papa versprochen. Ja, mein Papa hat mir gesagt: Wenn du Geburtstag hast, machen wir einen Rundflug über die Stadt. -
Der Junge, der Mathias heißt, blaß und aufgeschossen im Flur der Schule.
Das Tor, das offensteht.
Ein Sommertag mit blauem Himmel und Sonne. Mathias, der wie angewurzelt ist.
Ein Mann, der die Treppe herunterkommt. Der Mann zwischen Mathias und dem Tor. Der Mann: Na, was machst du denn hier?
Mathias: Frau Weiß ist doch krank. Da können wir gehen.
Der Mann: So, Frau Weiß ist krank. Bist du Hauskind oder Hortkind?
Mathias, der mit der Antwort zögert.
Der Mann zwischen ihm und dem Tor. Die Frage, bohrend.
Mathias, der die Augen schließt. Und alles ist verändert.
Mathias in einer Schlucht, dem Mann gegenüber. Felsen und Sonne und Staub. Mathias: Gebt den Weg frei.

Quelle: Ikarus. Film-Szenarium. Berlin: Henschelverlag, 1975.

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