Leseprobe aus "David"

Szanan Lent, dem jüngsten Kämpfer
des Warschauer Gettoaufstandes,
gewidmet.


Er stand in einer Mauernische, preßte sich eng an die kalte, schmutzige Wand und lauschte den Geräuschen auf der Straße. Sie kamen die Zamenhofa herauf und mußten jetzt auf der Höhe des Gefängnisses sein, also noch zweihundert Schritt von ihm entfernt - aber es konnten auch nur noch fünfzig oder sogar fünfhundert Schritte sein; er konnte es nicht genau ausmachen, denn sein Herz schlug so laut, daß es den Lärm auf der Straße zu übertönen schien. Es gelang ihm nicht, sich zu konzentrieren, so sehr er sich auch Mühe ab. Der Gedanke an seinen Auftrag beherrschte ihn vollkommen.

Er kannte diese Einsätze der Deutschen. Sie riegelten einen ganzen Straßenzug ab und trieben die sich versteckt haltenden Juden zum Umschlagplatz. Er selbst war einmal nur durch Zufall einer solchen Razzia entgangen; seine Eltern und seinen Bruder hatte man mitgenommen und deportiert. Aber das war schon lange her - bald ein Jahre - und er lebte seitdem bei Onkel Dolek und den anderen Organisierten im Bunker.

Sein Standort war nicht sehr günstig, denn der hintere Ausgang des Raumes war von heruntergefallenem Trümmerschutt versperrt, und es blieb ihm nur die Möglichkeit, hier zu warten und zu hoffen, dass man ihn nicht entdecke, oder die gegenüberliegenden Häuser zu erreichen und durch die Kellergänge zu entkommen. Er kannte das komplizierte System der unterirdischen Gänge dank Onkel Dolek recht gut, denn er hatte ihn oft begleitet, wenn der Onkel mit einem Maurertrupp die Kellerwände durchstieß, um die Verbindung zwischen den Bunkern auch unter der Erde zu ermöglichen. Onkel Dolek hatte die Pläne selbst ausgearbeitet, und manchen Abend hatte er dem Onkel dabei über die Schulter geschaut. Er wollte später einmal Brückenbauer werden, wie Onkel Dolek es war, und der Onkel bereitete ihn darauf vor, so gut es ging. Er war auch heute sicher gewesen, durchzukommen, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass Zygmunt Bauers Bunker von den Deutschen gesprengt worden war. Keiner hatte es gewußt; der Kommandeur nicht, nicht Onkel Dolek und nicht die anderen Männer vom Stab, die heute morgen im Zimmer waren.

Quelle: ndl 11, 1960. S. 105.


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