Leseprobe aus "Leben im Winter"

Der erste Gast war Marthas Cousin. Kurz nach neun Uhr stand er, hustend und blaugefroren, vor der Tür, lange bevor er erwartet wurde.
Irgendwann zwischen vier und fünf war er, wie öfter in letzter Zeit, durch einen hellen Schlag im Kopf geweckt worden, hatte aber, nach Momenten der Klarheit, die Augen wieder geschlossen, an Anna gedacht und an das Isergebirge, war den Bach hinabgefahren, schneller als sonst, beängstigend schnell, zwischen den gräflichen Wiesen und der Burg Schönstein, Anna lief am Ufer neben ihm her, lachte und rief: Herr Knecht, Herr Knecht!, im Bett gegenüber schnarchte der Krumme und wälzte sich auf die andere Seite, er zwang sich, noch einmal an Anna zu denken, sah aber Martha und dachte: Heut ist ja Sonntag!, und sein Herz klopfte so heftig und schnell, daß er es nicht mehr aushielt und mit der flachen Hand auf den Nachttisch schlug.

Augenblicklich erstarb das Geräusch gegenüber. Er hörte Bettzeug rascheln, als habe der Krumme sich aufgerichtet und lausche in das Dunkel des Zimmers.
Er atmete tief, als schliefe er, dachte: Die Uhr! Jetzt muß er zur Uhr sehn!, hörte ein leises, kaum vernehmbares Klappern, und schließlich, nach einer langen Stille, seinen Namen.
- Albert? flüsterte der Krumme.

Er stöhnte und genoß die Momente, da Ruhe in seinen Körper zurückkehrte, wie früher den Geruch von Heu und Pferdeschweiß, schob sich auf die andere Seite, murmelte, mit Unwillen in der Stimme: Wie spät is denn? und fuhr, als der Krumme, immer noch flüsternd, geantwortet hatte, es sei gleich halb fünf, von seinem Bett hoch und sagte: Ach, Scheiß! Nich mal am Sonntag kannste schlafen!

Quelle: Leben im Winter. Erzählung. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 1999.


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