Leseprobe aus "Matulla und Busch"

Die Geschichte vom zweiten Leben des Friedrich Gustav Matulla beginnt an einem Frühjahrsmorgen im schwäbischen Fellbach mit einem Einschreibebrief und endet, drei Monate später, in Berlin SO 36 mit einer Fünfkiloladung des Sprengstoffs Ekrasit.

Matullas erstes Leben hatte fünfundsiebzig Jahre früher begonnen, am 21. Januar des Jahres 1906, um viertel nach acht Uhr, in einer Kreisstadt in Pommern, an die er sich noch heute wegen einer Empfindung erinnert, die ihn so heftig und unerwartet getroffen hatte wie später nie wieder.

Er war, an der Hand seiner Mutter, aus einem Anlaß, den er nicht mehr weiß, die Kaiserallee hinuntergegangen, vorbei an der Gendarmerie und dem Rathaus, die kopfsteingepflasterte Danziger Straße hinunter, die in flottem Schwung zu einem massigen, ziegelroten Gebäude führte, und, durch eine kühle Halle hindurch, auf eine überdachte Plattform.

Dort, inmitten aufgeregter Menschengruppen, inmitten von Dampfgezisch und Eisengehämmer, Abschiedsrufen und geschwenkten Tüchern, überfiel Matulla jene Empfindung, die mit Erregung zu schwach, mit Erschrecken zu stark beschrieben wäre und die so lange anhielt, bis sich am Rand der Plattform die stumpfschwarzen Kästen in Bewegung setzten und unter rhythmischem, schnell sich steigerndem Fauchen verschwanden - Matulla hatte die erste Eisenbahn seines Lebens gesehen.

Fortan fand ihn seine Mutter, wenn sie ihn suchte, immer häufiger in der Nähe des Bahndammes, wo er, an den Sockel eines Signalmastes gelehnt, den Zügen nachsah, die in die großen Städte fuhren, ostwärts nach Danzig, westwärts nach Stettin.

Quelle: Matulla und Busch. Frankfurt/Main: S. FischerVerlag, 1987.


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