Leseprobe aus "Fliegender Wechsel"

Bruch

12.12.79 - Frühmorgens erster Schnee dieses Winters, pralle zinngraue Wolken, wattige Flocken. Nachmittags wieder klar, nur leicht bewölkt, frostig.

Cottbus im Dunkeln. Das Zentrum neu: Passagen, Pavillons, Rummel als Weihnachtsmarkt. Vermummte Kinder mit halboffenen Mündern auf Karussells, die Erwachsenen mit muffigen Gesichtern.
Neubaulokal Zur Molle. Am Tisch mit zwei Lehrlingen, stumpfe riesige Kinder mit tiefen Stimmen. Beim Essen: Ich weiß plötzlich Messer und Gabel nicht zu gebrauchen.

Reise schlecht vorbereitet, kein Hotelplatz; Elke Erbs Empfehlung, das Pfarrhaus, noch nicht bemüht.
Verlust der Familie - Verlust des Zentrums.
Keiner kennt einen, man kennt nichts; erste Folge Unsicherheit, zweite Folge Sicherheit durch Anonymität.

18 Uhr endgültige Absage vom Hotel.
Abends im Pfarrhaus, Ingrid und der (abwesende) Helmut, drei große Zimmer im ersten Stock; der ausgebaute Dachboden mit drei Gästezimmern. Das italienische Zimmer wegen des Venedig-Drucks an der Wand.

Ingrid lebt mit Mann seit August hier. Hat vorher in Berlin, Kastanienallee, gewohnt. Mein Gott, war das eine Veränderung! - Kleine lebendige junge Frau mit Tochter Annaluise.

Periodische Unruhe, periodisch Helene im Kopf. Warum bin ich mit fremden Kindern geduldiger als mit eigenen?

Quelle: Fliegender Wechsel. Eine persönliche Chronik. Rostock: Hinstorff, 1990.

Zurück