Leseprobe aus "Von der Schwierigkeit, Westler zu werden"

Sehnsucht nach der DDR?

Die Wahl zwischen der BRD und der DDR war mir schon immer vorgekommen wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. Oder zwischen der luxuriösen und der gemütlichen Grube. Was soll ich für einen Grund haben, der einen nachzuweinen oder die andere zu feiern? In beiden Ländern ist es mir bekleckert genug gegangen, und ich sehe nicht ein, warum ich die paar Freuden, die ich natürlich auch hatte, den Systemen zuschlagen soll. Am besten ging es mir, wenn ich den beiden deutschen Staaten den Rücken kehrte, ob nun Richtung Krakow, Budapest oder Paris.

Es war natürlich nicht ohne Eindruck auf mich geblieben, als ich in das Land der Marktwirtschaft kam und sah, es funktionierte. Was es alles für Sachen zu kaufen gab, die ich vorher noch nie gesehen hatte und ohne die ich bis da- hin ganz gut ausgekommen war. Das hat sich nun geändert.
Andererseits die Planökonomie - es ist tatsächlich ein Kunststück, die Wirtschaft so zu organisieren, daß es genau die Sache nicht gibt, die man gerade braucht. Was haben wir darüber für Witze gerissen! Ich denke, wir hatten auch eine Menge Spaß. Oder -?

Das einzige, was mich im Moment herausfordern kann, ein paar Sätze über die verschwundene DDR zu verlieren, ist mein Trotz. Ich kann es einfach nicht mehr hören, wenn mir die geleckten Affen aus den talk-shows erklären wollen, wie ich dreißig Jahre lang gelebt habe und warum es sich nicht gelohnt hat. Einige von ihnen habe ich in der Zeit, als es noch 25 Westmark kostete, unser ärmliches Ländchen zu betreten, bei Lesungen in Frankfurt/Main, Bremen oder Rheda-Wiedenbrück kennengelernt.

Quelle: Von der Schwierigkeit, Westler zu werden. Berlin: AtV, 2000.


Zurück